Der Totengräber

Ich kannte einen Totengräber
und schaute oft beim Graben zu.
Du warst doch stets ein fleiss’ger Streber,
und heut liegst Du in ew’ger Ruh.

„Ich grabe täglich eines aus,
bestimmt selbst eines auch für mich;
auch für Dich grab ich eines aus,
ruft einst der Liebe Gott auch Dich!“

Nun ist der Junge längst begraben,
er starb sehr jung und noch vor mir.
Warum, muss ich den Herrgott fragen,
als Totengräber sagt er’s dir.

Ich öffne jeden Tag ein Grab,
einst wird’s bestimmt einmal das Meine.
Ob ich am Grab dann Freunde hab?
Ob sogar jemand um mich weine?

Wenn Vögel pfeifen, wenn ich steche,
die Sonne auf die Erde scheint;
wenn Eis ich morgens hart aufbreche,
dann hab ich oft schon still geweint.

Vor all den vielen Trauerleuten,
die stumm vor dem Begrabnen steh’n,
darf ich die Totenglocke läuten
und dann allein nach Hause geh’n.

Dieser Beruf wär’ nicht für jeden.
Man ist dem Tod nicht gerne nah.
Wir wissen zwar, es gibt ein Eden,
und einmal ist es sicher da.

Da hilft kein Kranz, auch noch so schön,
kein Bankkonto, Besitz der Welt.
Trotz aller Angst: Wir müssen geh’n!
Gott hat den Tag schon längst bestellt.

© 07/2008 Artur Beul, Zollikon.

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